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Magazin

01.12.2011

Warum manche Websites niemals online gehen - und wie man dem vorbeugen kann

Zu Tode optimiert: Ein langes Essay über offene Baustellen, Zweifel, innere Schweinehunde und vielleicht auch über mangelnden Glauben an die Effizienz einer professionellen Website.

Was soll eigentlich rein in die Website? Manche unserer Web-Projekte enden leider klassischerweise an diesem neuralgischen Punkt: Es gibt bereits ein Basisdesign für die Website, ein Corporate Design sowieso. Beides wurde mit absoluter Zustimmung und guter Dinge seinerzeit vom Geschäftsinhaber - oder sogar von mehreren Entscheidern -  genehmigt. Die inhaltliche Struktur und die Ansprache der Zielgruppe inklusive einer Spezialisierung des Unternehmens wurden sowohl kundenintern als auch mit mir bereits mehrfach diskutiert, oft gibt es sogar schon Texte für die einzelnen Kapitel der Website –  die wurden ebenfalls mehrfach diskutiert und auch mehrfach so beschlossen und genehmigt - und dann doch wieder mehrfach umgeschmissen.

Mittlerweile sind ein bis zwei Jahre vergangen, der Kunde hat seine Texte - oder manchmal auch die Fotoauswahl für die Website - immer noch nicht fertig, weil er sie immer noch nicht perfekt findet und weil ihm alle zwei  Monate neue und alte Gedanken kommen, die ihn daran hindern, den längst geplanten Weg auch wirklich zu gehen. Es ist ja auch echt ein Kreuz mit der eigenen gedanklichen Flexibilität und Kreativität: „Hinter jeder Ecke lauern ein paar Richtungen.“ wie Stanislaw Jerzy Lec sehr treffend mal formulierte. (Der Spruch hängt übrigens als Postkarte neben meinem Schreibtisch an der Wand.)  Hinzu kommt natürlich noch das Tagesgeschäft:

Gerade die Unternehmen, die eine gute Auftragslage haben, sind diejenigen, die ihre Website nie fertig bekommen.

Warum ist das so?

Ganz einfach: Der Laden läuft und der ursprüngliche – und sicher noch vorhandene – Wunsch nach einer professionelleren, umfangreicheren und informativeren Website, hat keine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Das Projekt „Neue Website“ erhält beim Kunden immer mehr den Status „Nice to have - but not necessary“ oder zu Deutsch: Wir leben ja mit unserer alten Website auch ganz gut.

Hinzu kommen manchmal auch noch verschiedene unternehmenspolitische Dinge wie Weggang oder Krankheit wichtiger Mitarbeiter oder gar Unternehmens-Partner, intern bedingte Veränderung des Leistungsportfolios oder auch private Unwägbarkeiten, die das Projekt Website für lange Zeit ganz nach unten auf die „To Do-List“ verbannen.

Oh, nicht das ich diese Spezie vergesse: Wir haben da ja noch die Selber-Texter. ;-)
Die machen das alles auch wie oben beschrieben - aber ohne mich und meine Kollegen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, das sind alles Dinge, die ich absolut nachvollziehen kann.

Was hier hilft, ist, sich darauf zu besinnen, dass nur ein Blick von außen die Nebel lichten kann, weil es völlig normal ist, das man aus der eigenen Innen-Perspektive irgendwann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und kein Weg der Richtige ist. Für eine Meinung von außen haben unsere Kunden  ja bereits Profis engagiert... Wenn man aber auch diese Meinung immer wieder vergisst oder hinterfragt dann ist es am Ende vom Tag doch einfach so:

Es gibt die Unternehmen, die nach einer ganz normalen gewissen Konzeptions- und Umsetzungsphase mit ihrer neuen Website ins Netz gehen und dann damit einen - je nach Umfang der Suchmaschinenoptimierung - mehr oder weniger großen Teil  ihrer Neukunden, Geschäftspartner und Mitarbeiter gewinnen. Und es gibt die Kunden, die alles immer wieder in Frage stellen, viel zu viel Zeit und Energie in ihre Zweifel investieren und nach über 12 Monaten immer noch nicht online sind.

Aktuell fallen mir spontan sofort 4 (!) solcher offenen Baustellen ein, die bereits seit ein bis zwei Jahren bei uns vor sich hindümpeln. Mittlerweile ist weder der Kunde noch wir motiviert, zum ixten Mal den Stand der Dinge zu besprechen und nochmal neu aufzurollen, warum man sich beim letzten Mal – also circa vor 3 oder 6 Monaten – für diesen oder jenen Weg in diesem oder jenen Bereich entschieden hat.

Das Schlimme daran ist nicht nur, dass die Website-Projekte ewig dauern. Was noch hinzu kommt, ist die sich ausbreitende allgemeine Unzufriedenheit auf beiden Seiten.

Beim Kunden sieht die dann so aus:

  • „Jetzt sind wir schon so lange dran an der Website und die ist immer noch nicht fertig.“
  • „Mann, das wir selbst so viel Zeit da rein stecken müssen, das habe ich mir so aber nicht vorgestellt.“
  • „Und überhaupt: Wir müssen nochmal über die Rechnungen sprechen: Das ist ja jetzt doch teurer geworden als wir dachten.“

Aus meiner Warte und der meiner Kollegen klingt die selbe Situation nicht viel anders:

  • „Jetzt sind wir schon so lange dran an der Website und die ist immer noch nicht fertig.“
  • „Mann, das wir selbst so viel Zeit da rein stecken müssen, das habe ich mir so aber nicht vorgestellt.“
  • „Und überhaupt: Wir müssen nochmal über die Rechnungen sprechen. Das ist ja jetzt alles viel zeitaufwändiger geworden als wir dachten. Wir mussten ja einiges doppelt und dreifach diskutieren und mehrfach ändern.“

Mittlerweile – nach rund 15 Jahren Berufserfahrung – erkenne ich den typischen neuralgischen Punkt schon in seiner Frühphase, sobald er sich als kleiner dunkler Fleck am Horizont des Web-Projektes abzeichnet: Dann lasse ich es mir nicht nehmen, meinen Kunden einfach mein Herz auszuschütten und ihnen zu erzählen, das sie jetzt gerade an dem berühmten neuralgischen Punkt angekommen sind…

Sonjas Frühwarnsystem

Das mache ich aber erst seit Kurzem so. Ich nenne das für mich persönlich „Sonjas Frühwarnsystem“ ;-) Und hoffe, dass es sich bewährt.

So auch gerade heute, da musste ich mein Frühwarnsystem auch wieder aktivieren – deshalb hatte ich jetzt das Bedürfnis, aus dem Thema mal sofort einen Artikel für meine Website zu machen. Demnächst sende ich dann den Kunden am neuralgischen Punkt nur noch einen Link hier hin ;-) Und am liebsten würde ich jetzt ehrlich gesagt als Mahnmal eine „lange Bildergalerie“ mit all den schönen über die Jahre angesammelten Webdesign-Entwürfen hier einfügen. Eine Bildergalerie mit Websites, die nie welche geworden sind.

Das verkneife ich mir selbstverständlich, ich will ja niemanden defamieren. Denn um welches Unternehmen es sich handelt, das sieht man den einzelnen Webdesign-Entwürfen natürlich an.

Folgendes Fazit:

„Der Anspruch, den besten Weg nach Rom zu finden, kann nur scheitern. Von den endlos vielen möglichen und den durchaus mehreren guten Wegen, muss man einen auswählen und bis zum Ende gehen, um in Rom wirklich anzukommen.“

Zum Trost für die Kunden mit Websites am neuralgischen Punkt sei noch gesagt: In einer Website ist ja nichts in Stein gemeißelt. Im Gegensatz zur gedruckten Broschüre lassen sich hier schnell und mit vergleichsweise wenig Kosten und Zeit, auch später noch Änderungen und Ergänzungen vornehmen. Eine Website sollte als sich stetig entwickelnde Informationsplattform gesehen werden, deren Zwischenstände es aber allemal verdienen, das Licht des World Wide Web zu erblicken. Denn in fast allen Fällen ist es doch so, dass diese Zwischenstände schon lange um ein Vielfaches professioneller und aussagekräftiger sind, als die alte Unternehmens-Website, die aber immer noch unverändert online steht.

Jetzt komme ich endlich dazu, wie man dem vorbeugen kann:

Geben Sie sich einen Ruck! Los! Ab ins Internet mit Ihrer neuen Website!

Weiterbasteln kann man dann immer noch. :-)

Herzlichst
Ihre Sonja Radke

Das Bild zeigt eine Baustellen-Schild mit dem Text "Seite im Aufbau"
Projekt bis auf Weiteres geschlossen...

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